Kupferstich und Letternkunst – Buchgestaltung im 18. Jahrhundert

Kolloquium vom 16. bis 18. März 2015 im Wielandgut in Oßmannstedt

Die Beiträge des Arbeitsgesprächs analysierten an exemplarischen Beispielen die Gestaltung des gedruckten Buchs im deutschen Sprachraum des 18. Jahrhunderts. Zur Debatte steht etwa die These von einer zunehmenden Autonomisierung der Typographie, einem Primat des Textes und einer Aufwertung der Materialität von Schrift als Bedeutungsträger, eine Entwicklung, die sich in Wielands vielzitierter Bemerkung gegenüber Göschen dokumentiert, jeder Buchstabe der Prillwitz-Antiqua nehme sich aus wie eine „Mediceische Venus“. Wie verhalten sich Typographie und Illustration zueinander? Welche Relevanz kommt dabei den jeweiligen regionalen Konditionierungen und Interessen der involvierten Akteure zu (Autoren, Herausgeber, Verleger, Widmungsempfänger, ‚Mäzene‘, Leser, Kritiker u.a.)? Wie reagieren Autor- bzw. Werkkonzepte auf die zumeist kollektiv realisierten, oft nicht primär autorisierten Gestaltungskonzepten?

Ein Schwerpunkt des Arbeitsgesprächs lag auf der Frage, inwiefern und mit welcher Absicht Buchgestaltung im 18. Jahrhundert zur „Transformation der Antike“ beiträgt. Welche Bedeutung haben etwa die Bemühungen um Einführung der Antiqua für deutschsprachige Werke durch Bodmer und Breitinger, die Berliner oder Hallenser Anakreontik? Welcher Gestaltungsanreiz lag in ‚antiker‘ Schrift, aber auch in ‚antiker‘ Bildlichkeit?

Wie profitiert die antikisierende Vignettistik von antiquarischer Forschung und Klassischer Philologie? Inwiefern Illustrationen zwischen Monumentalisierung, Historisierung und Aktualisierung von Antike changieren, ist dabei jeweils im Kontext der Publikationsinteressen zu bewerten und im Zusammenhang internationalen Kunst- und Wissenstransfers zu situieren.

Ein Forschungsdesiderat stellt dabei insbesondere das intermediale Wirkungs- und Kräfteverhältnis der Buchgestaltung im 18. Jahrhundert dar. Ist das Buch nun Schauplatz intermedialer Harmonie oder Arena medialer Konkurrenz? Besonders die Illustration wirft Probleme auf: Aufgrund der linearen visuellen Rezeption werden illustrativer Buchschmuck und Text nicht synchron verarbeitet, falls nicht der Text zugunsten der Illustration unterbrochen oder die Illustration ausgeblendet wird. Lässt sich geglückte intermediale Kooperation also eher am Medium der Musikbeilage zeigen, die im 18. Jahrhundert zu stärkerer Geltung gelangt? Die je eigenen Qualitäten dieser Intermedialität gilt es zu erfassen, zumal bei Neuausgaben gerade die Musikbeilagen oft editorisch und interpretatorisch vernachlässigt wurden. Dass auch Musenalmanache neben Illustrationen häufig Musikalien als Kaufanreiz einsetzten, öffnet Fragestellungen zu marktstrategischen Positionierungen, aber auch zur sozialen Dimension von Buchgestaltung insgesamt. Inwiefern reflektiert oder konditioniert die Gestaltung von Almanachen, Lyrikbänden oder Klassikereditionen soziale Ordnungen und Formen der Geselligkeit des 18. Jahrhunderts? Stellt sie durch gestalterische Innovationen Alternativen zur Disposition?

Unter Berücksichtigung der historischen technischen Realisationsmöglichkeiten und ökonomischen Bedingungen wurden über Einzeluntersuchungen hinaus methodische und terminologische Systematisierungen erörtert.

Auf der Veranstaltung des SFB 644 „Transformation der Antike“ (Teilprojekt „Pluralisierung von Antike in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts“, Steffen Martus / Charlotte Kurbjuhn) und des Wieland-Forschungszentrums e.V. in Jena/Oßmannstedt (Hans-Peter Nowitzki / Peter-Henning Haischer) gemeinsam mit der Klassik Stiftung Weimar diskutierten folgende Beiträger: Friedrich Forssman (Kassel), Peter-Henning Haischer (Jena/Oßmannstedt), Annika Hildebrandt (Berlin), Christiane Holm (Halle), Charlotte Kurbjuhn (Berlin), Klaus Manger (Jena), Steffen Martus (Berlin), Felix Mundt (Berlin), Hans-Peter Nowitzki (Jena/Oßmannstedt), Ernst Osterkamp (Berlin), Alexander Rosenbaum (Weimar), Dominik von Roth (Jena), Carlos Spoerhase (Berlin).

Die Ergebnisse des Kolloquiums wurden 2016 in den Oßmannstedter Studien 2 veröffentlicht.

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