Christoph Martin Wieland

Sein heutiger Bekanntheitsgrad wird seiner Leistung nicht gerecht. Denn Christoph Martin Wieland zählt zu den größten europäischen Dichtern. Zu Lebzeiten galt er in ganz Europa als der führende Schriftsteller deutscher Sprache, seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Mit seinen eigenen Übersetzungen Shakespeares, Horaz’, Lukians und Ciceros, seinen an Eleganz und sprachlicher Musikalität unübertroffenen Verserzählungen und Epen formte er das Deutsche zur Literatursprache. Seine Romane mit ihrer subtilen Psychologie, feinen Satire und philosophischen Tiefe erbrachten der unterschätzten Gattung die Anerkennung als Hochliteratur. Seine politischen und philosophischen Essays trugen maßgeblich zur Entstehung eines anspruchsvollen Journalismus bei.

Schon mit seinem Frühwerk machte er sich einen Namen. Bereits das erste größere Werk des hochbegabten, 1733 in Oberholzheim bei Biberach geborenen Dichters erregte Aufmerksamkeit. Mit der Natur der Dinge (1752), einem anspruchsvollen Lehrgedicht über den Kosmos, und weiteren epischen Dichtungen überzeugte er den damals wichtigsten Literaturkritiker Johann Jakob Bodmer, ihn nach Zürich zu holen und zu fördern. Hier machte Bodmer den wißbegierigen und fleißigen Wieland mit der europäischen Dichtung und grundlegenden poetologischen Theorien vertraut und drängte ihn auf das Gebiet der religiösen Dichtung. Mit zwei Werksammlungen in insgesamt sechs Bänden zog Wieland später Bilanz (Prosaische Schriften 1758 und Poetische Schriften 1762). Er blieb bis 1759 in Zürich, distanzierte sich aber mehr und mehr von seinem Förderer.

Der einjährige Aufenthalt in Bern (1759/1760) und seine wegen politischer Intrigen und einer brisanten Liebesaffäre schwierige Zeit als Kanzleivorsteher in Biberach (1760 – 1769) führten zur Umorientierung seines Schreibens. Mit seinen Romanen Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva (1764) und Geschichte des Agathon (1766/67) revolutionierte er das Genre des Romans im deutschen Sprachgebiet und vollzog die Wende vom enthusiastisch-spirituellen Sänger zum skeptisch-ironischen Denker, der religiöse, ethische und philosophische Anschauungen aus der individuellen Psyche zu erklären sucht. In seinen Verserzählungen vereinte er funkelnden Esprit mit einer zuvor im Deutschen unerreichten sprachlichen Eleganz (Comische Erzählungen 1765, Musarion 1768). All diese Werke erschienen aus Zensurgründen anonym, doch schnell wurde bekannt, wer sie verfaßt hatte. Sein Mut, auch die sexuellen Bedürfnisse und Phantasien des Menschen bei der Suche nach Selbsterkenntnis nicht auszusparen, brachte ihm bei Kritik und empörten Zeitgenossen den Vorwurf ein, die Moral seiner Leser zu untergraben. Seinen Erfolg bei der Leserschaft und seinen Rang als führender Dichter deutscher Sprache konnten ihm derartige Anwürfe nicht mehr nehmen.

Der nun berühmte Dichter konnte bald das Berufsleben hinter sich lassen und ganz für das Schreiben leben. Der Ruf als Professor an die Universität Erfurt (1769 – 1772) erlegte ihm schon keine beruflichen Pflichten mehr auf, obwohl sich Wieland dort der akademischen Lehre annahm. Die Zeit, die ihm blieb, widmete er dem Schreiben. In Erfurt entstanden Werke, die zu seinen besten zählen, so sein zweibändiges Epos Der Neue Amadis (1771), die philosophisch-politischen Romane Sokrates mainomenos oder die Dialogen des Diogenes von Sinope (1770) und sein Staatsroman Der Goldne Spiegel (1772). In den Beyträgen zur Geheimen Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens (1770) und Die Grazien (1770) setzte er sich intensiv mit der Kulturtheorie Rousseaus auseinander.

Am benachbarten Hof zu Weimar wurde man schnell auf Wieland aufmerksam. Seine pädagogischen Kenntnisse und sein schriftstellerischer Ruhm führten 1772 zur Anstellung als Lehrer für die beiden Prinzen des Sachsen-Weimarischen Fürstenhauses, die er bis zur Volljährigkeit Herzog Carl Augusts im Jahr 1775 ausübte. Danach erlaubte ihm eine großzügige Pension, sich ganz dem Dichten und Schreiben zu widmen. Bereits 1773 hatte Wieland den Schritt gewagt, eine Zeitschrift zu gründen, die zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Publikationsorgane des 18. und frühen 19.Jahrhunderts wurde: Der Teutsche Merkur (1773 – 1810). Es gab kaum einen zeitgenössischen Schriftsteller von Rang, der hier nicht veröffentlichte. Zusätzliche Popularität verschaffte dem Teutschen Merkur Wielands Ankündigung, all seine neuen Werke zuerst hier zu veröffentlichen.

In seinen Weimarer Jahren erschienen mit dem frühen Feuilletonroman Die Abderiten (1774 – 1780), einer köstlichen Satire auf den kleinstädtischen Kultur- und Politikbetrieb, und seinen Versepen Oberon (1780) und Clelia und Sinibald (1784) Höhepunkte seines epischen Schaffens. Neben der aufwendigen Redaktionsarbeit für den Teutschen Merkur schrieb er selbst immer wieder auch kleinere Beiträge zu den monatlich erscheinenden Heften. Als sich die Zensurbedingungen lockern, kommentierte er in einer Reihe von Aufsätzen darin auch scharfsichtig die Ereignisse der Französischen Revolution.

1794 erschien schließlich der erste Band der Sämmtlichen Werke, seiner erst 1811 abgeschlossenen monumentalen Werkausgabe, für die er sein Gesamtschaffen einer sorgfältigen Revision unterzog. Die Einkünfte daraus ermöglichen ihm 1797 den Kauf eines Landguts in Oßmannstedt, wo er bis zum Tod seiner Frau 1803 lebte. Der Rückzug aufs Land bedeutete kein Nachlassen seiner Schaffenskraft. Hier entstand unter anderem sein bedeutender Altersroman Aristipp und einige seiner Zeitgenossen (1800 – 1802). Erst nach seiner Rücksiedlung in die Stadt Weimar verlangsamte sich seine Produktivität. Dennoch war er tätig fast bis zum letzten Atemzug. Sein letztes großes Projekt, die Übersetzung sämtlicher Briefe Ciceros (1808 – 1821), wurde durch seine Anmerkungen auch ein Kommentar zur Zeitgeschichte, doch konnte er sie nicht mehr selbst vollenden. 1813 starb Wieland in Weimar.

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